Krankschreibung ab dem ersten Tag: Dummheit oder gute Idee?
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Reform: In Zukunft muss man ab dem ersten Krankheitstag ein ärztliches Attest bringen. Geht dadurch voraussichtlich die Zahl der Kurzzeit-Krankmeldungen zurück oder geht der Schuss nach hinten los? Wie hätte man die Situation spieltheoretisch optimiert gestalten sollen?
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Die Attestpflicht ab dem ersten Krankheitstag schlägt hohe Wellen. Aber was passiert da unter der Oberfläche aus spieltheoretischer Sicht?
Wir haben es hier mit einem klassischen Prinzipal-Agent-Problem zu tun. Das Problem: Der Chef (Prinzipal) weiß nicht, wie es dem Mitarbeiter (Agent) wirklich geht und was er zu Hause macht. Die Politik versucht nun, das „Blaumachen“ unattraktiv zu machen, indem sie die Transaktionskosten erhöht. Wer einen Tag fehlen will, muss die Strafe des endlosen Wartens im Wartezimmer auf sich nehmen.
Aber Menschen sind erstaunlich rationale Nutzenmaximierer. Wenn ein Arbeitnehmer schon Stunden beim Arzt opfern muss, dann muss sich diese „Investition“ auch lohnen. Der Grenznutzen muss die Grenzkosten übersteigen. Die Folge: Man lässt sich nicht für einen Tag, sondern gleich für die ganze Woche krankschreiben. Wir erleben hier den berühmten Kobra-Effekt: Die Maßnahme, die einen einzelnen Fehltag verhindern sollte, züchtet auf einmal wochenlange Ausfälle. Das Problem wird nicht gelöst, es wird vergrößert.
Gleichzeitig es weitere Fallen. Wenn man versucht, das Fehlen etwa durch unbezahlte Karenztage finanziell spürbar zu machen, macht man aus einer moralischen Hürde plötzlich eine einfache Preisliste. Der Mitarbeiter denkt sich: „Okay, das kostet mich heute Geld, aber diesen freien Tag kaufe ich mir jetzt einfach!“ Das schlechte Gewissen verschwindet, die Strafe wird zur legitimierten Gebühr.
Dieses Muster kennen Sie vielleicht aus der IT-Sicherheit! Der Administrator zwingt alle Mitarbeiter zu irrsinnig komplexen Passwörtern, die wöchentlich gewechselt werden müssen. Die Hürde wird so hoch, dass die Leute ihre Passwörter auf ein Post-it schreiben und an den Monitor kleben. Der strikte Zwang provoziert eine Ausweichstrategie, die das System am Ende viel unsicherer macht als vorher.
Hinzu kommt eine gewaltige Kontrollillusion. Die Politik glaubt, die Einschaltung des Arztes löse die fehlende Kontrolle. Aber der Arzt hat gar keinen Anreiz, streng zu sein oder sich mit dem Patienten anzulegen. Das Attest verliert seinen medizinischen Wert und verkommt zur reinen Formalie (Goodhart’s Law). Obendrein tritt hier das Präventionsparadox auf: Wir gängeln mit hohen Kosten 98 % der wirklich Kranken, nur um die wenigen schwarzen Schafe zu erwischen. Ob diese Vorgehensweise insgesamt von Vorteil ist, ist aber eine empirische Frage.
Eine spieltheoretisch optimierte Lösung wäre das Mechanismus-Design. Anstatt sinnloser Kontrollen könnten wir Verträge so gestalten, dass die Mitarbeiter ihr Verhalten selbst offenbaren. Man könnte verschiedene Verträge anbieten, aus denen die Mitarbeiter selbst wählen: zum Beispiel einen Gehaltsbonus für diejenigen, die freiwillig ein paar unbezahlte Karenztage akzeptieren. Wer sowieso nie blau macht, nimmt diesen Bonus gerne mit. Die Trickser verraten sich dadurch selbst. Das Signal ist imitationssicher.
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Verantwortlich für Inhalt: Prof. Dr. Christian Rieck














