CDU-Kanzler Merz auf Wahlkampfbesuch: Wenn der Souverän vor verschlossenen Toren wartet
Videobeschreibung:
HEDDESHEIM bei Heidelberg – Rund 750 angemeldete Besucher sammeln sich vor dem Gelände eines Logistikunternehmens. CDU-Kanzler Merz hat seinen Auftritt angekündigt.
Wir – ein paar politische Aktivisten – sind entschlossen, unsere Kritik an der CDU-Politik sichtbar zu machen.
Zwischen Beleidigung und Diskurs
Die Schlange wird länger. Manche Blicke treffen uns interessiert, andere kopfschüttelnd. Ein Besucher, der sein Fahrrad direkt neben uns anschließt, begrüßt uns mit den Worten: „Was seid ihr für Arschlöcher.“ Als wir ihn darauf ansprechen, rudert er zurück – er habe nur laut nach seinem Schloss gefragt.
Eine Frau fragt, ob wir uns nicht schämen würden, solche „Aussagen und Lügen“ zu verbreiten. Es entspinnt sich eine Diskussion in deren Verlauf die Dame von ihrem anfänglich forschen Auftreten absieht.
Ein Plakat thematisiert Friedrich Merz‘ Verbindung zum Finanzdienstleister BlackRock. Ein vollbärtiger Besucher im Anzug schüttelt den Kopf, lacht verächtlich und ruft, das sei doch in Ordnung – er selbst wäre froh über so eine Stelle..
Klassengesellschaft im Kleinformat
Während nun ca. 250 Menschen auf der Straße warten, fahren VIPs in ihren Luxuskarossen direkt auf den Ehrenparkplatz. Mercedes-Luxuslimousinen, einige mit Stuttgarter Kennzeichen, eine Maybach-Stretchlimousine, Ferrari, Maserati und andere bekannte Luxusmarken rollen an den Wartenden vorbei. Die Besucher in der Schlange – viele in Anzügen, Kleidern, adrett gekleidet – reagieren unterschiedlich auf unsere Transparente. Viele schütteln den Kopf, einige zeigen den Scheibenwischer, andere äußern Beleidigungen.
Polizeieinsatz: Einschüchterung statt Dialog
Ein uniformierter Polizist und ein LKA-Beamter fordern nach einem gezwungenen „Guten Tag“ sofort: „Schalten Sie die Kamera aus.“ Da er in seiner Funktion als Polizist und nicht als Privatperson vor mir steht, darf ich aufnehmen und sage das auch. Es folgt die übliche Routine mit Fragen nach der Verantwortlichkeit für die Versammlung. Nach einiger Zeit müssen die beiden Beamten unverrichteter Dinge abziehen.
Feudalsystem im 21. Jahrhundert
Dieser Auftritt zeigt deutlich, wie es um den Zustand der Politik in diesem Land bestellt ist: Der König kündigt seinen Auftritt an, der Pöbel meldet sich zur Audienz, während die Lakaien sich benehmen, als wären sie bessere Menschen als die Bauern. Der Landadel lässt sich in seinen Kutschen am Pöbel vorbei Richtung Audienzsaal kutschieren. Das Feudalsystem lässt grüßen.
Nach etwa anderthalb Stunden bleibt die Erkenntnis: Viele Untertanen folgen blind dem König, während andere sich in seinem Schatten als etwas Besonderes betrachten.
Die Frage nach dem politischen Engagement
In den letzten Jahren ist im Rahmen von Versammlungen, politischen Auftritten und gesellschaftlichem Diskurs, insbesondere bei Demonstrationen gegen Rechts, immer wieder die Diskussion entstanden, dass die Demonstrationen der Linken und Antifa als bezahlte Aktionen kritisiert werden.
Doch wenn ich erlebe, wie eben diese Dauernörgler, die in sozialen Medien und Kommentarspalten permanent ihre Unzufriedenheit kundtun, nicht imstande sind, ihr grundlegendes Recht auf Versammlung und freie Meinungsäußerung wahrzunehmen, dann stellt sich mir eine fundamentale Frage: Wann werden diese Menschen endlich von ihren Bildschirmen, Smartphones und Couches aufstehen und ins Handeln kommen?
Die Wahrheit ist unbequem: Die Menschen haben die Macht. Sie sind der Souverän. Die da oben können nur deshalb alles machen, weil die Menschen es mit sich machen lassen. Veränderung kommt nicht durch Tastaturanschläge und empörte Emojis. Sie kommt, wenn Bürger sich ihrer Macht bewusst werden, erkennen, dass sie etwas ändern können.
Wer ständig kritisiert, aber niemals aktiv wird, sollte sich fragen: Bin ich Teil der Lösung oder Teil des Problems? Solange kritische Staatsbürger nur virtuell nörgeln statt real zu handeln, wird sich nichts ändern. Demokratie ist kein Zuschauersport.
Fazit: Souveränität statt Untertanengeist
An diesem Freitagnachmittag wurde einmal mehr sichtbar: Die Demokratie lebt nicht von angemeldeten Besuchern, die in der Schlange warten, während VIPs im Maybach vorfahren. Sie lebt von Menschen, die ihre Transparente hochhalten, auch wenn sie beschimpft werden.
Denn im Unterschied zum Feudalsystem ist in der Demokratie nicht der Kanzler der Souverän. Wir sind es.
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